Hintergrund: AI Sweden und Lindholmen
AI Sweden ist das nationale Zentrum Schwedens für angewandte künstliche Intelligenz. Die Organisation wird von Lindholmen Science Park, einem der weltweit größten Innovationscluster mit Sitz in Göteborg, getragen und betrieben. AI Sweden verteilt jährlich über 300 Millionen Kronen an öffentlichen Fördermitteln an Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Start-ups — und der Lenkungsausschuss entscheidet über Prioritäten, Partnerschaften und Mittelvergabe.
Das Problem ist grundlegend: Mehrere Mitglieder des Lenkungsausschusses vertreten Organisationen, die gleichzeitig Gründungspartner von AI Sweden UND Empfänger seiner Mittel sind. Dies schafft ein systemisches Problem, bei dem dieselben Personen über die Zuwendungen an ihre eigenen Organisationen entscheiden.
Der Lenkungsausschuss 2025: 9 Mitglieder, 5–7 befangen
Prüfergebnis
Mindestens 5 bis 7 von 9 Mitgliedern des Lenkungsausschusses weisen strukturelle Interessenkonflikte auf — sie vertreten Organisationen, die sowohl Gründungspartner als auch Mitgründer von Sferical AI sind, einer parallelen Organisation, die vergleichbare Mittel verteilt.
Peder Blomgren — Vorsitzender, AstraZeneca
Peder Blomgren ist Vorsitzender des Lenkungsausschusses von AI Sweden und führt zugleich AstraZeneca, das Gründungspartner von AI Sweden ist. AstraZeneca ist darüber hinaus einer der Gründer von Sferical AI — einer parallelen KI-Organisation, die Mittel in Millionenhöhe verteilt.
Das bedeutet, dass Blomgren im Lenkungsausschuss sitzt und über die Ressourcenvergabe einer Organisation entscheidet, deren Hauptfinanziers sein eigenes Unternehmen mitbestimmt.
- Der Interessenkonflikt: Blomgren vertritt AstraZeneca im Lenkungsausschuss, während AstraZeneca Gründungspartner ist
- Der doppelte Konflikt: AstraZeneca gründet Sferical AI gemeinsam mit Saab und weiteren Gründern
- Die Wirkung: Blomgren kann beeinflussen, welche Projekte Mittel von AI Sweden erhalten, und damit potenziell sein eigenes Unternehmen und Sferical AI begünstigen
Birgitta Bergvall-Kåreborn — Rektorin, Technische Universität Luleå
Birgitta Bergvall-Kåreborn ist Rektorin der Technischen Universität Luleå (LTU) und Mitglied des Lenkungsausschusses von AI Sweden. In dieser Funktion entscheidet sie mit darüber, welche Universitäten Mittel von AI Sweden erhalten — während ihre eigene Universität diese Mittel bezieht.
Die LTU betreibt unter AI Sweden einen eigenen regionalen Knotenpunkt und erhält jährliche Fördermittel für Forschung und Entwicklung. Bergvall-Kåreborn sitzt somit auf beiden Seiten der Mittelverteilung.
- Der Interessenkonflikt: Bergvall-Kåreborn entscheidet über Mittel, die ihre eigene Universität empfängt
- Die Rolle: Als Rektorin verantwortet sie den Haushalt und die strategische Entwicklung der LTU
- Die Wirkung: Sie kann beeinflussen, wie viel der Mittel von AI Sweden an die LTU fließen
Petter Bedoire — CTO von Saab
Petter Bedoire ist Chief Technology Officer bei Saab und Mitglied des Lenkungsausschusses. Saab ist sowohl Gründungspartner von AI Sweden UND einer der Gründer von Sferical AI.
Als CTO von Saab und Mitglied des Lenkungsausschusses kann Bedoire beeinflussen, welche KI-Projekte und Technologien AI Sweden priorisiert — mit möglichem Nutzen für Saabs eigene KI-Initiativen.
- Der Interessenkonflikt: Bedoire vertritt Saab, während Saab Gründungspartner ist
- Die Sferical-AI-Verbindung: Saab ist einer der Gründer von Sferical AI, gemeinsam mit AstraZeneca
- Die Wirkung: Kann Projekte bevorzugen, die Saabs technologische Position stärken
Niklas Wahlberg — VP Volvo
Niklas Wahlberg von Volvo sitzt im Lenkungsausschuss. Volvo ist Gründungspartner von AI Sweden und Empfänger von Mitteln der Organisation.
Wahlberg kann strategische Entscheidungen über KI-Initiativen beeinflussen, die potenziell Volvo zugutekommen.
Ingrid Petersson — Rektorin, Universität Lund
Ingrid Petersson, Rektorin der Universität Lund, ist Mitglied des Lenkungsausschusses. Die Universität Lund betreibt einen eigenen regionalen AI-Sweden-Knotenpunkt und erhält jährliche Fördermittel.
Wie Bergvall-Kåreborn kann Petersson beeinflussen, ob und in welchem Umfang ihre eigene Universität Mittel von jener Organisation erhält, in deren Lenkungsausschuss sie sitzt.
Die Wallenberg-Sphäre: AstraZeneca, Ericsson, Saab und SEB
Die Wallenberg-Sphäre — das Netz von Unternehmen, das mit dem Kapital und den Interessen der Wallenberg-Familie verbunden ist — dominiert beide Organisationen. Dazu zählen:
- AstraZeneca — Gründer von AI Sweden und Sferical AI
- Ericsson — Gründungspartner
- Saab — Gründungspartner und Mitgründer von Sferical AI
- SEB — Gründungspartner
Gemeinsam kontrollieren diese Unternehmen faktisch beide Organisationen, wodurch dieselben Unternehmen sowohl über die Finanzierung entscheiden ALS AUCH die Mittel empfangen.
Das Fehlen einer Befangenheitsrichtlinie
Obwohl AI Sweden jährlich über 300 Millionen Kronen an öffentlichen Mitteln verteilt, existiert keine formelle Befangenheitsrichtlinie für den Lenkungsausschuss. Eine solche Richtlinie würde üblicherweise:
- definieren, was einen Interessenkonflikt darstellt,
- verlangen, dass Mitglieder mit festgestellter Befangenheit sich bei einschlägigen Entscheidungen enthalten,
- Verfahren für die Erklärung und Dokumentation von Interessenkonflikten einrichten,
- Mechanismen für eine externe Prüfung von Befangenheitsfragen schaffen.
Ohne eine solche Richtlinie bleibt es jedem Einzelnen überlassen, seine eigene Befangenheit zu beurteilen — eine klassische Interessenkonfliktsituation.
Drehtür: Von Lindholmen zu AI Sweden
Mehrere Schlüsselpersonen sind direkt von Lindholmen Science Park in leitende Positionen bei AI Sweden gewechselt, ohne jede Übergangszeit oder zeitliche Distanz:
- Martin Svensson — Direkt von Lindholmen in die Leitung von AI Sweden
- Billy Jörgensen — Dasselbe Muster: vom Lindholmen-Netzwerk zu AI Sweden
Dieses Drehtür-Muster zeigt, wie Lindholmen und AI Sweden in der Praxis eng verwobene Organisationen mit derselben Führungskultur und ohne klare Abgrenzung sind.
47 MSEK in der Blackbox
Die Prüfung identifiziert 47 Millionen Kronen an Fördermitteln von AI Sweden, für die keine detaillierte Rechenschaft vorliegt. Die Mittel sind ausgezahlt, doch Empfänger, Zweck und Ergebnisse sind nicht transparent.
Folgen für die schwedische KI-Politik
Diese Struktur hat gravierende Folgen für die schwedische KI-Entwicklung:
- Projektauswahl: Projekte, die der Wallenberg-Sphäre zugutekommen, werden bevorzugt, während Innovatoren und Start-ups außerhalb dieses Netzwerks marginalisiert werden.
- Wissen und Kapital: Große Unternehmen verfügen bereits über Ressourcen; AI Sweden sollte öffentliche Mittel einsetzen, um den Wettbewerb zu fördern, nicht um das Wallenberg-Monopol zu festigen.
- Demokratische Legitimität: Eine staatlich finanzierte Organisation darf nicht von denselben Unternehmen gelenkt werden, die ihre Mittel empfangen.
- Wegfall von Prüfung: Das Fehlen einer Befangenheitsrichtlinie schafft ein System, in dem Kritik kaum geäußert werden kann, ohne als Bedrohung für etablierte Macht wahrgenommen zu werden.
Fazit der Prüfung
Ergebnis
5–7 von 9 Mitgliedern des Lenkungsausschusses von AI Sweden (2025) weisen strukturelle Interessenkonflikte auf. Sie vertreten Organisationen, die zugleich Gründungspartner und Empfänger der Milliardenressourcen von AI Sweden sind. Die Wallenberg-Sphäre dominiert sowohl AI Sweden als auch Sferical AI. Es existiert keine formelle Befangenheitsrichtlinie — trotz über 300 MSEK jährlicher öffentlicher Mittel.
AI Sweden ist so konstruiert, dass es dem Lenkungsausschuss nahezu unmöglich ist, unparteiische Entscheidungen zu treffen. Es geht nicht um die persönliche Integrität einzelner Mitglieder — es ist eine systemische Konstruktion, die Interessenkonflikte voraussetzt.
Zur Behebung erforderlich:
- eine formelle Befangenheitsrichtlinie mit klaren Definitionen und Verfahren,
- externe Prüfungen der Mittelverteilung,
- Trennung der Ausschussmitglieder von Projekten und Unternehmen, an denen sie Interessen haben,
- Transparenz für jede Förderung über 5 MSEK.